Corinna Schnitt

03. - 24. Juli 2005
Corinna Schnitt – Living a Beautiful Life - Ausstellung

„Living a Beautiful Life", 13 Min, 2003
Installativ konfrontiert mit Found Footage aus ostdeutscher Produktion der 70er-Jahre, Farbe, Ton, Loop
“Das nächste Mal”, 6 Min, 2003
“Schlangenkinder” – Fotografien, 2004

„Living a Beautiful Life”

Stell dir ein Leben vor, wie du es als Kind schon erträumt hast? Also, ein perfektes Leben.
Scheinbar vollkommen naiv nimmt Corinna Schnitt das allgemeine Wünschen und die üblichen Vorstellungen vom Lebensglück beim Wort – und führt uns diese als quasidokumentarische Inszenierung erbarmungslos vor Augen und Ohren. Sie zeigt uns eine Frau und einen Mann, beide gutaussehend, die in einer stilvollen Villa hoch über Los Angeles wohnen und abwechselnd in die Kamera berichten, dass sie all das haben und all das sind, was sich andere nur ersehnen.
Wie „Blade Runner“-Replikanten zählen sie sämtliche Bestandteile eines traumhaft schönen Lebens auf, so wie es sich die Menschen, zumindest in der westlichen Welt, gemeinhin vorstellen. Der Zuschauer kann diese erschöpfende Litanei des totalen Glücks nur schwer ertragen und fühlt sich durch die kontemplative Stimmung der wohlkomponierten Szenen zusätzlich provoziert.
Und wer zwischendurch vermutet, dass am Ende alles explodieren muss, wie in Antonionis „Zabriskie Point“, der irrt.
So grotesk dieses Schwelgen in Beautiful-Klischees auch anmutet, Corinna Schnitt ist weit davon entfernt, eine simple Parodie abzuliefern und verzichtet auf Effekt-gehasche und Pointentümelei. Sie beherrscht die dramaturgisch wirkungsvolle Methode, Artifizielles und Naturalistisches auf subtile Weise ineinander zu verweben. Ein Merkmal, das Schnitts präzise Filmarbeiten grundsätzlich auszeichnet: Sie überlässt uns – vielleicht sogar ein bisschen schadenfroh – einer irritierenden
Mehrdeutigkeit, die für eine mal amüsante, mal unbehagliche Dechiffrierungs-Schwebe sorgt. In ihren seltsamen ethnologischen Fiktionen entdeckt sie gerade dort Pararealitäten, wo wir doch alles genau zu kennen glauben. Und so zieht sie uns beim Betrachten ihrer kaum bewegten Bilder ganz sanft und sehr freundlich den Boden unter den Füßen weg. (Kay von Keitz)
Zum Found Footage aus ostdeutscher Produktion der 70er-Jahre:
Zu sehen sind kleine nackte Kinder in einer paradiesischen Landschaft, umgeben von großen Luftballons, die mit einem Babytiger spielen. Die Aufnahmen entstammen einer anderen Fabrik von Fiktionen, nicht Hollywood, sondern einer ostdeutschen Filmproduktion der 70er Jahre.
Die installative Konfrontation der beiden im Loop laufenden Filme bewirkt beim Zuschauer eine semantische Reperspektivierung des jeweilig anderen Films. Fragen der Glücksproduktion, der Utopientechnik stellen sich auf Grund der installativen Konfrontation neu und ergänzt um das Wissen, dass der Rand der Utopie stets ein rissiger ist. Die Gegenüberstellung zweier so scheinbar geschlossener, ungebrochener utopischer Fiktionen betont diesen Riss.

„Das nächste Mal“
Es ist Frühling, zwei Kinder liegen auf der Wiese, sprechen einen
eigenartigen Liebesdialog. Klischeesprüche, wie “höre auf dein Herz“
und Klischeevorstellungen, wie “sei doch mal romantisch“ werden geübt.
Aber auch geschlechterspezifische Dialogrollen und Verhaltensweisen
werden spielerisch geprobt. Die Kamera distanziert sich, der
Schauplatz, der romantische Garten erweist sich aus der Entfernung als
kleine Grünfläche einer Verkehrsinsel. Eine Zufluchtsinsel tradierter
Liebesphantasmen inmitten einer lärmenden Realität. Produzierte
Sehnsuchtsbilder inszeniert auf der Bühne des Imaginären. Die “Insel
der Liebenden“, das Paradies, erweist sich als Produkt konditionierter
und medial vermittelter Beziehungsidyll-phantasmen. Die Künstlichkeit
der Situation entsteht durch die wie aus anderen Filmen/
Anleitungen entnommenen Dialoge, die mit den Akteuren nichts zu tun
haben scheinen. Die Differenz zwischen Sprache und vortragenden
Subjekten verweist auf stereotype Kommunikationsschematas, die von den
Akteuren jedoch noch trainiert oder abgelegt werden müssen, das nächste
Mal. (Sabine Winkler)