Momente der Verschiebung
14. März – 11. April 2004
Momente der Verschiebung - Aspekte urbanistischer Aura – Eröffnungsausstellung mit Paola Yacoub Michel Lasserre und Egbert Haneke
Flash-Film „O.V.“ („Original Version“) von Paola Yacoub und Michel Lasserre und Dia-Überblendschau „living in motion“ von Egbert Haneke
Eröffnung mit permanenter Graphic-Art Installation von Oliver Moore

Flash-Filmstill von Paola Yacoub/Michel Lassere

Dia von Egbert Haneke
Paola Yacoub/Michel Lassere (Libanon/Beirut, Frankreich/Paris; Ausstellungen in Paris, Barcelona, Seoul, Venedig (Biennale 2003)), digitale Dia-Schau als Flash-Film, und Egbert Haneke (Deutschland/
Hamburg; Ausstellungen in Berlin und Shanghai; Sammlung Falckenberg Hamburg), analoge Dia-Schau
Der Ausstellungstitel „Momente der Verschiebung“ bezieht sich sowohl auf Thematik wie Medium. Thematisch bieten die Bilder in der Hauptsache urbanistische Situationen, die entweder durch textuelle Information, sequentielle Einbettung oder Überblendung im Verlauf der Präsentation neue Aspekte gewinnen. Diese Aspekte beinhalten eine Verschiebung von der vordergründigen Banalität (Straßen, Hausecken, Parkplätze...) hin zu einer spezifischen Aura, die auf den Geschehnissen vor Ort oder auf der sequentiellen Kombination von Orten beruht.
Verschiebungen liegen medial konkret in dem Sinne vor, als die beiden gezeigten Arbeiten Diaserien sind, bei denen ein Bild über das andere geschoben wird oder ein Bild dem anderen nachgeschoben wird. Yacoub/Lasserre liefern eine digitale, teilweise vertonte Diaschau, die mit einem Filmschnittprogramm gefertigt wurde; Haneke hingegen eine analoge Diaschau in Überblendtechnik. Bemerkenswert ist, dass die digitale Diaschau ausgesprochen analog und unfilmisch wirkt, Bild folgt auf Bild. Die analoge Diaschau hingegen wirkt wesentlich filmischer, insofern die Überblendschau mit den Momenten der Überblendung zwischen fotografischem Standbild und bewegtem Filmbild zu situieren ist. Mediale Eigenschaften der analogen bzw. digitalen Diaschau erscheinen solcherart gleichfalls verschoben.
Die Arbeit „O.V.“ („Original Version“) der beiden Architekten und Künstler Paola Yacoub und Michel Lasserre, zuletzt gezeigt bei der Biennale Venedig 2003, bezieht Geschehnisse der ersten Woche des Irak-Krieges 2003 auf die urbanistische Situation in und um Beirut. So koinzidiert zum Beispiel ein gewaltiges Unwetter in Beirut mit dem Beginn des Krieges im Irak, oder die überirdischen Parkplätze der Stadt erscheinen verödet, da nahezu sämtliche Autos zum Schutz vor befürchteten Angriffen in unterirdische Räume verbracht worden sind.
Ästhetisch im Fokus steht der fotografische Versuch, Spannungen politisch-militärischer Art in Bilder zu bannen, die auf den ersten Blick scheinbar banal, unpolitisch und unmilitarisiert wirken. Ästhetisches Ziel ist somit eine Auratisierung urbanistischer aber auch landschaftlicher Situationen.
Yacoub/Lasserre arbeiten seit 2000 am Aspektwechsel von Räumen, insbesondere von Raum- und Gebietsgrenzen, in wechselnden Formaten, mithin wechselnden medialen, raum- und publikumsbezogenen Konstruktionen. Mit dem Gespür von Architekten gehen sie dabei einerseits den „affects of history“ (Foucault) nach, die sich im Raum sedimentieren, andererseits der Sensibilität von Bildern bezogen auf Ereignisse. Jedes Format versucht dabei die Aussagebedingungen, unter denen die jeweilige künstlerische Äußerung entsteht, zu reflektieren.
Die Dia-Arbeit „living in motion“ des Fotokünstlers Egbert Haneke bietet Bilder von Japan. Hanekes Arbeiten stehen in der Tradition von William Egglestone und Stephen Shore, welche die Kunstfotografie Ende der 60er-Jahre bzw. Anfang der 70er-Jahre mit ihren Reisefotoserien farbig, großformatig und populär werden ließen. Bekannt als „New Colour-Schule“ zeigten sie in ihren Bildern meist menschenleere urbane Alltagssituationen mit unspektakulärer Funktionsarchitektur. Dieser Schule verpflichtet, erforscht Haneke das Leben von Pflanzen im urbanen Raum und dessen Banalität bis – durchaus wörtlich – in den letzten Winkel. Dabei fördert er Oberflächenstrukturen im Zusammenspiel von Material- und Lichtverhältnissen zu Tage, die einer hochgradigen Ästhetisierung Vorschub leisten. Ästhetisches Ziel ist somit nicht minder eine Auratisierung urbanistischer Situationen, allerdings nicht aus politisch-militärischen Spannungen heraus, sondern aus jenen materiellen und strukturellen Spannungen heraus, die Objekten und ihrer Kombination im städtischen Raum selbst innewohnen.
Das zentrale Moment der Diaschau liegt bei Haneke in der Überblendung, jenem Vorgang, bei dem zwei Bilder langsam ineinander verschmelzen und sich dann wieder trennen. Im transitorischen Vorgang der Überblendung entsteht temporär ein neues Bild als Summe zweier einzelner Bilder. Diese Momente der visuellen Kontaminierung verändern die Sichtweise auf das jeweilige Einzelbild, indem sie es sequentiell einbetten, und fügen ihm andere Aspekte hinzu. Begründet durch die Überblendtechnik entstehen so gleichsam für kurze Zeit Zwischenbilder, deren im Moment der Überblendung einerseits abnehmende und andererseits erstarkende Bildstabilität den scheinbar banalen Themen eine fantasmagorische Qualität verleiht.
Informationen:
www.yacoublasserre.org
www.dyetransfer.de
